Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(XCIII)
Mai 1904.
Die Liebe zu Annie ist noch nicht erloschen. Sie treibt den Dichter zum zweitenmal über den Kanal. Er wohnt wieder bei Spirobeg, der inzwischen geheiratet hat und nach Chingford übersiedelt ist. Apollinaire sucht Annie auf und schlägt ihr vor, mit ihm nach Frankreich zu kommen, auch falls ihre Eltern mit einer Ehe nicht einverstanden sein sollten. Er sagt ihr, sie würde eine Gräfin sein, womit er auf seine hohe Herkunft anspielt. Er glaubt, nun vielleicht genügend Eindruck zu machen und ihre ablehnende Haltung ins Wanken zu bringen. Es gelingt ihm jedoch nicht, sie zu überzeugen, und es kommt zu einem dauernden Bruch, als Annie erklärt, sie habe eine Stelle als Erzieherin in Kalifornien angenommen und ihm ihre Reisedokumente zeigt. Sie behauptet, sie reise nur, um weiteren Besuchen zu entrinnen und werde ihrer Familie verbieten, ihr irgendwelche Briefe von ihm nachzuschicken.
Sie selbst schildert den Bruch folgendermaßen!
Ich kam auf die Idee, ihm zu sagen, daß ich nach einem Lande reise, dessen Name mit A beginnt… Der Gedanke, daß ich, wie Kostro mir einredete, eine Gräfin sein würde, wenn ich ihn heiratete, war allerdings verführerisch… Er sagte, er stamme von einer russischen Adelsfamilie ab, lauter Generäle und weiß Gott was. Er sprach oft von seiner Mutter, aber von seinem Vater kein Wort…
Ich erinnere mich, wie mir Kostro auf dem Bahnhof zum Abschied winkte. War es der Waterloo- oder der Victoria-Bahnhof? Er hing halb aus dem Fenster.
So sah ich ihn zum letztenmal… Er schaute mich lange an, bis der Zug die Station verließ. Sein Gesicht hatte denselben Ausdruck wie bei seiner Abreise von Neu-Glück. Seine Augen waren dunkel wie Samt. Ich sehe es so klar vor mir!
Der Hauptzweck seines Besuches war, mich zu gewinnen, aber ich war ein dummes, närrisches Mädel.
So endete eine große Liebe, und aus der Trennung erwuchs die schönste Liebesklage, »Chanson du mal-aimé« (Gesang des Ungeliebten). Gleich im ersten Vers gedenkt er des Ortes der Trennung.
Der Mai dieses Jahres war für den »unglücklich Liebenden« ein fast tragischer Monat des Verlustes auf der einen, ein Monat des Gewinnes lebenslänglicher, tiefer, fruchtbarer Freundschaften auf der anderen Seite. Diese beiden Seiten der gleichen Münze beeinflussen den Dichter, ja formen seine Persönlichkeit zu einem geschlossenen Ganzen. Später schreibt sein Freund Blaise Cendrars in seinem ersten synoptischen Gedicht »Prosa über die sibirische Bahn und die kleine französische Jeanne« den Vers:
Ich habe Freunde, die mich umgeben wie eine Balustrade.
Und gerade solche Freunde gewinnt Apollinaire in diesem kritischen Mai.
Auf seinen Wanderungen an der Seine sieht er einen Maler, der vor einer Leinwand steht und sie mit wütenden Pinselhieben attackiert. Es ist André Derain, der erste wirkliche Maler in Apollinaires Leben. Zwischen den beiden entsteht eine Freundschaft auf den ersten Blick, die ihr ganzes Leben lang anhält.
Bald darauf lernt er einen zweiten Maler kennen. Sie sind fast Nachbarn, der junge Maurice Vlaminck wohnt in Chatou. Oft kann man den Dichter und den Künstler an den Ufern ihres geliebten Flusses dahinwandern sehen, manchmal gesellt sich Derain zu ihnen. Die Abende sind erfüllt von leidenschaftlichen Debatten über Kunst, Kunsttheorien, ästhetische Probleme und Fragen, die alle drei Künstler verschiedenen Faches und Temperamentes erregen. Damals entsteht auch das Bild, auf dem Vlaminck Apollinaire beim Angeln festhält. Es ist das erste Porträt des Dichters von einem wirklichen Maler.
Vlaminck denkt gern an diese Zeit zurück:
Ein Dichter wie der blaue Mittelmeerhimmel.
Apollinaire ist eben von Deutschland zurückgekommen, liest Nick Carter und ißt für vier… Er liebt Fußwanderungen. Der geringste Anlaß auf einer solchen Wanderung genügt, um seiner Phantasie, seinem Lyrismus die Zügel schießen zu lassen… Jeden Sonntag nach dem Frühstück bei Vlaminck irren die beiden Freunde wie zwei Abenteurer in den Wäldern von Saint-Cucuf oder an den Ufern der Seine, in Chatou umher und besuchten den Bal des Cannotiers (Schifferball) oder die Grenouillère.
Damals schreibt Apollinaire das Gedicht »L’Emigrant de Landor Road«, der Straße, in der Annie wohnte, bevor sie ins Ausland ging. Davon sprechen auch der neunte und zehnte Vers:
Morgen früh fährt mein Schiff nach Amerika
Nie kehre ich zurück…
Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966









