Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCCXLIX)

Am 17. März 1916

sitzt er im Schützengraben unter Deckung und liest die letzte Nummer des Mercure mit seinen neuesten Beiträgen in der Rubrik Anecdotiques. Es ist im Bois des Buttes bei Berry-au-Bac. Um etwa vier Uhr nachmittags schlägt ein verirrter Splitter einer Hundertfünfzigergranate durch Helm und Schläfe des Leutnants Guillaume Apollinaire, und das Blut des Dichters tropft auf die Seiten der Revue. Es ist, als sei Chirico, der auf Apollinaires Porträt aus dem Jahre 1914 die Schläfe des Dichters von einem weißen Kreis umgeben malte, mit Seherblick begabt gewesen. Die Verwundung ist schwer, obwohl sie Apollinaire nicht sofort spürt.

Er erzählt davon Billy, der ihn bald darauf im Krankenhaus Val-de-Grace in Paris besucht, wohin der Verwundete nach der ersten Behandlung auf dem Verbandplatz von Château-Thierry überführt wird:

Ich dachte, es sei mir gar nichts geschehen und begann weiterzulesen, als das Blut plötzlich in Strömen hervorschoß…

An die erste Behandlung erinnert sich noch nach Jahren Dr. Morency, der schreibt:

Es war in Romain, 10 km nördlich von Pizme im Departement Aisne, wo ich Dienst als Chirurg hatte. Ich mußte um zwei Uhr morgens unter den in der Nacht hinzugekommenen Verwundeten einen ziemlich korpulenten Leutnant mit irgendeinem Namen, der auf -ki endete, operieren. Er war von einem Granatsplitter am Kopf getroffen worden. Die Verwundeten wurden der Reihe nach gebracht.
Der Leutnant, der den Eindruck ruhiger Stärke machte, unterzog sich sehr still und ohne überflüssige Fragen der Anästhesie und meiner Behandlung. Am Hals trug er ein Medaillon an einer Kette.
Die Untersuchung und Behandlung seiner Schädelverletzung führte ich erst am übernächsten Tag durch und hörte ihn noch mit gedehnter Stimme sagen: »Ich habe einen anderen Namen, einen literarischen, Guillaume Apollinaire.« Er sollte noch am selben Abend nach Château-Thierry evakuiert werden, und erst nach seinem Tode hörte ich von seinem langen Leiden und den zahlreichen Operationen, denen er sich unterziehen mußte…

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966