Ich überlasse der Zukunft die Geschichte Apollinaires.
(CCCXCII)

Am 10. November 1918

zeitig am Morgen läßt die unglückliche Jacqueline Apollinaire ihre Freundin Louise Faure-Favier holen, die sofort herbeieilt, um ihr in ihrer Trauer beizustehen.

Ich sah Apollinaire auf seinem Bette und konnte nicht anders als ausrufen: »Aber er ist ja gar nicht tot« – so lebendig lächelte sein Gesicht… Die ganze Zeit schluchzte Jacqueline: »Mein Guy! Mein Guy!« Ihr Schmerz war so echt, daß ich begriff, wie tief sie ihren Gatten, ihren Dichter geliebt hatte…

Inzwischen kommen die Freunde. Der erste ist André Salmon. Er kommt zu seinem täglichen Besuch, um den Freund mit den Neuigkeiten des Tages und dem neuesten Klatsch zu zerstreuen. Vom Hausmeister erfahrt er die niederschmetternde Nachricht. Und mit Blumen, voll Trauer, kommen immer mehr, um elf Uhr erscheint Mme. de Kostrowitzki in großer Toilette für irgendeine Hochzeit.

Mein Junge, mein Junge, ich habe seine Krankheit gar nicht beachtet.

Aber bald beginnt sie Frau Apollinaire schwere Vorwürfe zu machen, daß man sie, die Mutter, nicht rechtzeitig verständigt habe. Vergeblich versucht man, ihr zu erklären, daß es der Dichter nicht gewünscht habe, da er sie nicht habe beunruhigen wollen. Der peinliche Auftritt wird nach den Erinnerungen A. Salmons durch einen puren Zufall beendet, der für ihre Beziehung zu ihrem Sohne charakteristisch ist:

Erhobenen Hauptes stand sie neben dem Lager, auf dem Guillaume, aller Lebensfarben beraubt, ruhte. Da senkte Mme. de Kostrowitzki die Augen, ihr Blick fiel auf den Teppich, ihren Teppich, den sie erkannte, und empört murmelte sie! »Er hat ihn zerschnitten!«

Am Nachmittag, als die Wohnung zu klein wird für die Kondolenzbesuche aller seiner Freunde, die kommen, um von dem genau genommen durch den Krieg »ermordeten Dichter« Abschied zu nehmen, ist die Mutter schon nicht mehr da.

 

Vladimír Diviš: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Deutsch von Aleš Krejča, Artia, 1966